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Datum: 19. August 2008
Quelle:
nepalnews.com
Autor: Anand Gurung
Freie Übersetzung: Gregor Stratmann
Pachandras
langer Weg: Werdegang eines Rebellen
Exakt 79 Tage nach dem 1.
historischen Treffen auf dem die Verfassungsgebenden Versammlung
die "Freie Demokratische Republik Nepal" ausgerufen und die
jahrhunderte alte Monarchie aufgehoben hat, ist Pushpa Kamal
Dahal, besser unter seinem "Kampfnamen" Pachandra ("der Zornige"
oder auch "der Wütende") zum 1. Premierminister der Republik
gewählt worden.
Obwohl seine Partei, die "Communist
Party of Nepal (Maoist)" als stärkste Partei aus den
historischen Wahlen hervorgegangen ist, konnten sie, da ihnen
ein Sitz in der Übergangsregierung fehlt, keine klare Mehrheit
für sich erzielen.
Diese Tatsache (welche entsprechende
Koalitionsverhandlung erforderlich machte; Anmerkung des
Übersetzers) führte in den letzten Monaten zu Verzögerungen
bei der Bildung der neuen Regierung.
Bild: Gregor Stratmann
Mit der Wahl von Pushpa Kamal
Dahal zum Premierminister, ist nun der Weg für die erste, von
Maoisten geleitete Regierung der Welt frei.
Wie auch immer – zunächst strebte er das Amt des ersten
Präsidenten der Republik an und stellte sich durch Sprüche und
Graffitis an den Hauswänden der Hauptstadt und im Lande – schon
lange vor den Wahlen zur Verfassungsgebenden Versammlung als ein
solcher dar. Das brachte ihm bei seinen Kritikern den Namen "Bhitte
Rastrapati" – "Wand – Präsident" ein.
Aber als die aktuelle politische
Situation für ihn unvorteilhafter wurde, lies er sein Ansinnen
fallen. Stattdessen favorisierte seine eigene Partei nun einen
nicht – maoistischen Präsidentschaftskandidaten um Dahal vor
dem "Verlust seines Gesichtes" zu schützen. Klar war nämlich,
dass die an der Präsidentenwahl beteiligten anderen Parteien
(NC, CNP und MPRF) die Wahl Dahals nicht unterstützen würden.
Ein kurzer Abriss Pachandras
Kindheit und seiner Zeit als hingebungsvoller Lehrer, bevor er
in die aktive Politik wechselte, mag helfen ein wenig hinter die
Person Pachandras zu schauen – der in der Welt besser als Führer
der aufständigen Maoisten in dem strategisch wichtigen Land
zwischen Indien und China bekannt war. Pachandra war einer der
am schwersten zu fassenden Untergrundkämpfer in der Welt und
noch vor zwei Jahre wurde gar seine Existenz von vielen in
Kathmandu bezweifelt.
"Während der ersten fünf Jahre
des "Volksaufstandes" war so gut wie nichts von ihm bekannt", so
einer der Herausgeber der "English Weekly".
1954 wurde Pachandra als
ältester Sohn von acht Kindern in Tanahun, in der Nähe von
Pokhara in eine arme Bauernfamilie geboren. Damals kannte man
ihn unter dem Namen Chhabi Lal Dahal.
Als er sechs Jahre alt war,
wurde er – wie tausende andere auch aus der Berg- und
Hügelregion Zentral-und Nordnepals in das Flachland- und
Dschungelgebiet des Terai umgesiedelt.
Dies passierte auf Anweisung des
Königs Mahendra, der durch seine Umsiedlungspolitik "Ruhe und
Kontrolle" in den auf ständigen Süden (Terai) bringen wollte.
Bedingt durch die Malaria,
welche im Terai viele Todesopfer forderte, verbesserte sich aber
die Lebenssituation der Familie Dahal – die ja auch in den armen
Berg- und Hügelregionen einen täglichen Kampf ums Überlebens zu
bestehen hatte – nicht.
Man warnte immer wieder vor den
wilden Tieren im Dschungel, die wohl auch Menschen angriffen,
aber es waren die unbarmherzigen Geldverleiher, die das Leben
der umgesiedelten Familien so schwer machten – und die weit
entfernte Regierung kam in keinster Weise ihren Verpflichtungen
nach.
Trotz dieser schweren Zeiten
gelang es Pachandras Vater den Lebensunterhalt für seine große
Familie durch Landwirtschaft sicher zu stellen.
Weil er der älteste Sohn in der
Familie war, musste Pachandra seinem Vater auf den Feldern
helfen um die große Familie so zu unterstützen. Aber sein Vater
ließ es sich trotzdem nicht nehmen, ihm (seinem Sohn) eine gute
Erziehung und Bildung angedeihen zu lassen um so – und das war
(ist) die große Hoffnung vieler armen Familien – seinem Sohn
eine bessere Zukunftsperspektive als seine Eigene bieten zu
können.
Freunde aus seiner Kindheit und
auch die Nachbarschaft erinnern sich an Pachandra als ein
"wohlgestaltetes Kind", das Unrecht nicht ertragen konnte.
"Ihm lag immer das Wohl der
ärmeren Menschen aus dem Dorf am Herzen", sagte Pachandras Vater
Mukti Ram Dahal in einem der wenigen Interviews, das im Time
Magazine 2004 erschien – gerade zu der Zeit als der Aufstand der
Maoisten auf seinem Höhepunkt war. "Er sagte uns", so der Vater
weiter, "teilt lieber euer Essen mit den Armen, anstatt sie aus
zu nutzen".
Als Angehöriger einer Brahmin
Familie, die aus Sicht der orthodoxen Hindus zu den höheren
Kasten zählt, gab sich Pachandra breitwillig mit Angehörigen
niedriger Kasten, mit Dalits und Unberührbaren ab – etwas was zu
dieser Zeit strikt gegen das "Sozialempfinden,- und
Sozialgefüge" war – ein Hinweis auf seine spätere revolutionäre
Tätigkeit.
Seine Lehrer waren beeindruckt
von seiner liebenswürdigen Natur, gleichermaßen auch von seiner
hübschen physischen Erscheinung. Das veranlasste sie, ihm den
Namen Pushpa Kamal, das ist " Lotus Blume" zu geben.
Nachdem er sein Hochschulexamen
an der Narayani Biddhya Mandir Schule absolviert hatte, ging er
nach Kathmandu um in Patan seine wissenschaftliche
Zwischenprüfung ab zu legen.
Während seiner Studienzeit wurde
er nachhaltig von der kommunistischen Ideologie beeinflusst. Es
ist nur seinem Studienort Kathmandu zu verdanken, dass er
Kontakt zu dem "Senior Communist" Führer bekam. Demzufolge
begann seine Laufbahn als politisch linksgerichteter Aktivist.
Im Frühjahr 1981 wurde Pachandra
Mitglied einer kleinen kommunistischen Partei namens CPN (Masal).
Danach ging Pachandra zurück in
seine Heimatstadt Chitwan um sich in das von den USA gesponserte
Agriculture College ein zutragen. Ein "Sammelort" für
studentisch – politische Aktivitäten während der parteilosen
Zeit des Panchyajat – Systems; dort (in Chitwan) machte er auch
seinen Abschluss.
Während seiner Jugend- und
Studienzeit hatte er all die Mühen seiner armen und hart
arbeitenden Eltern wahrgenommen, die nötig waren, die große
Familie zu ernähren und ihm sein Studium zu ermöglichen. In den
Dörfern hatte er erlebt, wie die Reichen in Luxus lebten,
während die arme Bevölkerung quasi "von der Hand in den Mund"
leben musste.
"Seit meiner Kindheit erfuhr
ich, was Armut und unmenschliche Ausnutzung bedeutet", sagte er
einmal in einem Interview.
Die wachsende wirtschaftliche
Kluft einschließlich der damit einhergehenden weiteren
Diskriminierung der Dalits, die ihm seit seiner Kindheit immer
wieder aufgefallen war, bestärkte immer mehr sein
Ungerechtigkeitsgefühl und inspirierte ihn, sein weiteres Leben
dazu zu nutzen, die "Bourgeoisie" durch das "Proletariat" zu
ersetzen.
Seine Studienkollegen sagten,
dass jeder der ihn traf recht schnell von seiner Persönlichkeit
und seiner Leidenschaft fasziniert war und ihm geduldig und
breitwillig zuhörte.
Speziell seine absolute
Überzeugung, dass ein "scharfer Kampf", geführt von den
Maoisten, womöglich die großen soziale Unterschiede abschaffen
könnte, zeichnete Pachandra aus.
Aber genau diese Überzeugung war
es, die ihn später mit dem Senior Leader der kommunistischen
Partei, den er eigentlich hoch schätzte, entzweite.
Nachdem er 1976 das College
abgeschlossen hatte, ging er nach Arughat im Gorkha Distrikt um
dort für ein Jahr an einer lokalen, staatlichen Schule zu
unterrichten – so wie es für jeden Graduierten verpflichtend
war.
Pachandra unterrichtete die
nächsten zweieinhalb Jahre an dieser Schule und erwarb während
dieser Zeit die Anerkennung seiner Schüler und deren Eltern
gleichermaßen.
In einem Artikel, der in der
Nepali Times veröffentlicht wurde erinnerte sich Satrughan
Shresta, einer seiner früheren Schüler an "Dahal Sir" als an
jemanden, der seinen Lehrauftrag besonders ernst nahm. Das ging
so weit, dass er (Pachandra) abends noch die Runde durch das
Dorf machte um zu sehen, ob seine Schüler irgendwelche Probleme
bei den Hausaufgaben hatten.
"Nebenbei" gründete er Klassen
für Analphabeten, die er einmal pro Woche unterrichtete, machte
die Bauern mit neuen landwirtschaftliche Techniken bekannt und
brachte ihnen die kommunistischen Philosophien von Marx, Engels
und Mao nah – die entsprechenden Bücher pflegte er unter seinem
Bett auf zu bewahren.
Nachdem er seinen Lehrerberuf
aufgegeben hatte, ging er nach Chitwan zurück und arbeitete
kurze Zeit für ein von den USA finanziertes Projekt. 1978 begann
seine aktive politische Laufbahn; als Mitglied seiner Partei im
Chitwan Distrikt wurde er ein Jahr später zum Berufspolitiker.
In den nächsten Jahren machte er
schnell politische Karriere, und wurde 1983 Vorsitzender der
Studentenbewegung seiner Partei.
1990, als es im Land keine
Demokratie mehr gab, war Pachandra schon Generalsekretär.
Zu dieser Zeit waren die
Unstimmigkeiten in der Partei schon so groß, dass es schließlich
zu Spaltung kam. Diese Tatsache und die weiterhin bestehenden
Unstimmigkeiten zwischen ihm und dem Senior Leader der Partei
führten dazu, dass Pachandra 1995 seine eigene Partei, die CPN
(Maoist) gründete.
Ein Jahr benötigte er für die
Vorbereitung des bewaffneten Kampfes und Pachandra erklärte den
Volksaufstand für eröffnet. Alles andere, so sagte er, sei
Geschichte.
In den folgenden 10 Jahren
führte er seine Partei in den bewaffneten Kampf, der 15.000
Nepalesen das Leben kostete.
Oft wandten seine Kader brutale
Taktiken an, die die Regierung Indiens und der USA veranlasste,
die Maoisten als Terroristen zu klassifizieren.
Pachandra führte den Kampf dem
Beispiel des Genossen Gonzalo (Peru; Senduro Luminoso) folgend –
was dazu führte, dass die Demokratie 1990 wieder eingesetzt
wurde.
Während seiner Zeit als Anführer
des bewaffneten Volksaufstandes spielte er geschickt seine
Karten aus; manchmal erklärte er sich konform mit den
Oppositionsparteien, manchmal schien es, als sähe er eine
"Arbeitsgrundlage" zusammen mit den Monarchisten und manchmal
zwang er die Parteien sich gegen die Monarchie zu stellen. Es
gelang ihm, alle politischen Parteien gegeneinander aus zu
spielen.
Nachdem der König am 1. Februar
2005 das Parlament aufgelöst hatte, erklärte Pachandra sich
bereit mit dem "Master", damit meinte er den König und den
"Dienern", damit meinte er die Vertreter der anderen Parteien,
zu sprechen um eine Wende herbei zu führen.
Nachdem monatelang verhandelt
worden war, unterzeichnete Pachandra ein 12-Punkte Abkommen mit
den maßgeblichen Parteien im November 2005 – und zwar in der
indischen Hauptstadt New Dehli. Pachandra benötigte indische
Hilfe um die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass das
Volksbegehren im April 2006 den König zwingen konnte, seinen
Machtanspruch auf zu geben.
Nach weiteren zwei Monaten von
Verhandlungen fanden die Wahlen zur verfassungsgebenden
Versammlung statt, welche die Maoisten überraschend für Alle zur
größten Partei machten – wenngleich auch ohne klare Mehrheit.
10 blutige Jahre lang war
Pachandra Kommandeur des Volksaufstandes, der mehr als 15.000
Menschen das Leben gekostet hatte – nun ist er Premierminister
des Landes und hat mit dem (Wieder-) aufbau des Landes eine
anspruchsvolle Aufgabe. Phuspa Kamal Dahal hat wirklich einen
langen Weg hinter sich.
Zusammen mit ihm hat seine
Partei eine große Wende erfahren; von einer kleinen linken
Partei mit gerade mal 3 Sitzen während der 1990er demokratischen
Ära, hin zu einer Untergrundbewegung die den Staat mit der Macht
der Waffen stürzen wollte und nun zurück auf der politischen
Bühne als eine große und bessere (hoffentlich) Partei, die den
anderen Parteien Respekt abverlangt und nun die neue Regierung
leitet.
Es bleibt abzuwarten, ob der
neue Premierminister das Land wirklich von Korruption befreien
kann, ob er wirklich das Land so neu zu formen weiß, wie er es
selbst immer in den vergangenen 10 Jahren gefordert hat. Wenn
auch nicht zu dem reichsten Land dieses Globus, so doch zu einem
Land in dem die Menschen ohne Angst leben können, ein Dach über
dem Kopf haben, genügend Kleidung besitzen und keinen Hunger zu
leiden brauchen.
Nach 10 Jahren Gewalt und Krieg
ist er nun aufgefordert, das Land so zu regieren, wie es die
Menschen (dieses wundervollen; Anmerkung des Übersetzers)
Landes verdient haben.
Quelle:
nepalnews.com
Autor: Anand Gurung
Freie Übersetzung: Gregor Stratmann
19.08.2008
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